Die Curschmann Klinik

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Presse Curschmann Klinik

Doppelt gefährdet - Weshalb Diabetiker auf ihr Herz achten müssen

31. Juli 2007

Apotheken-Umschau 07/2007 (Copyright Wort & Bild Verlag)

Weshalb Diabetiker auf ihr Herz achten müssen

Vorbeugung. Diabetes und Erkrankungen des Herzens sind eng miteinander verbunden. Eine Umstellung des Lebensstils hilft, Risiken zu mindern.

Es knirscht auf dem Weg ins neue Leben. Das liegt einmal an dem feinen Sand unter den Füßen der Menschen, die sich zur Morgengymnastik am Strand eingefunden haben. Zum anderen ist es ein Knirschen im übertragenen Sinn, denn die hier Trainierenden sollen sich von lieb gewonnenen Gewohnheiten verabschieden. Sie sollen ihren ungesunden Lebensstil ändern, der ihnen Stoffwechselstörungen und lebensbedrohliche Herzbeschwerden eingebracht hat. Und sie sollen sich mehr bewegen und gesünder essen. Es ist höchste Zeit dafür. Denn alle, die hier ihr Gymnastik-Programm absolvieren, sind Typ-2-Diabetiker und haben gerade einen Herzinfarkt hinter sich. In der Curschmann-Klinik im Ostseebadeort Timmendorfer Strand erholen sie sich nun und tanken Kraft für ein neues Leben.

Die gefährliche Kombination von Zuckerkrankheit und Gefäßschäden – insbesondere am Herzen – wird in Deutschland noch immer unterschätzt. „Es wird Zeit, Diabetes nicht nur als Stoffwechselproblem zu sehen, sondern zugleich als Gefäßerkrankung“, fordert der Privatdozent Dr. Morten Schütt, Internist und Diabetologe an der Curschmann-Klinik. Daten belegen seine Aussage: Mehr als zwei Drittel aller Herzinfarktpatienten weisen Störungen des Zuckerstoffwechsels auf. „Es reicht bei einem Zuckerkranken eben nicht aus, die Behandlung auf den Blutzuckerspiegel auszurichten. Auch das Gefäßsystem muss ständig unter Beobachtung stehen“, betont Schütt.

Unterschätzt und unbeachtet

Am Ostseestrand reckt sich heute auch Jürgen Volland. „Mein Diabetes wurde vor neun Jahren diagnostiziert“, erzählt der 56-jährige Beamte. Er leidet unter Diabetes vom Typ 2, auch als Altersdiabetes bezeichnet, da er vor allem bei älteren Menschen auftritt. „Inzwischen findet sich die Erkrankung jedoch auch häufiger bei jüngeren Patienten, vereinzelt sogar bei Kindern und Jugendlichen. Das ist im Wesentlichen auf Übergewicht und Bewegungsmangel zurückzuführen“, erklärt Schütt. Im Gegensatz zu Typ-1-Diabetikern, bei denen die Bauchspeicheldrüse gar kein blutzuckersenkendes Insulin produziert, verfügen Typ-2-Patienten anfangs noch über ausreichende Insulinmengen. Das Problem: Die Körperzellen reagieren darauf immer weniger. Von der Gefahr, die der Diabetes für sein Herz darstellte, ahnte Volland nichts. „Ich hatte nie Herzbeschwerden“, berichtet er und bestätigt damit, wie groß der Aufklärungsbedarf ist. Denn dass über Jahre hinweg keine Beschwerden auftreten, ist die Regel. Gefäßschäden entwickeln sich im Verborgenen (siehe S. 15), und die Betroffenen erliegen dem Trugschluss: „Wenn ich nichts spüre, bin ich gesund.“ Urplötzlich macht ihnen eines Tages ein Herzinfarkt die Fehleinschätzung ihres Zustands bewusst.

„Das ist das wirklich Tückische“, bestätigt Professorin Ruth Strasser, Ärztliche Direktorin des Herzzentrums Dresden Universitätsklinik und Direktorin der Medizinischen Klinik Kardiologie und Intensivmedizin an der Technischen Universität Dresden. „Diabetiker haben oft auch in fortgeschrittenen Stadien einer Herzerkrankung kaum Beschwerden, da Nerven des Herzens durch die Zuckerkrankheit in Mitleidenschaft gezogen werden. Manche empfinden deshalb nicht einmal Schmerzen, wenn sie einen Infarkt haben.“ Solche Anfälle heißen „stumme Infarkte“, doch auch wenn sie keine Schmerzen hervorrufen, sind sie lebensbedrohend. Auch Jürgen Volland hat kaum Beschwerden wahrgenommen, als ihn der Infarkt traf. „Ich spürte nur ein leichtes Brennen und Ziehen im Brustkorb, das wieder verging“, erinnert er sich. Eine Bronchitis, dachte er. Als der Arzt, den er aufsuchte, die Diagnose „Herzinfarkt“ stellte, war Volland schockiert. „Damit hätte ich nie gerechnet.“ Wie viel Glück er dennoch hatte, zeigt die Statistik: In Deutschland stirbt – allem medizinischen Fortschritt zum Trotz – gut die Hälfte der Menschen, die einen Infarkt erleiden.

Gemeinsame Risikofaktoren

Die Verbindung zwischen Typ-2-Diabetes und Erkrankungen der Herzgefäße besteht in einem fatalen Zusammenspiel mehrerer Risikofaktoren. Auf der einen Seite steht der Diabetes, dessen Häufigkeit rasant zunimmt:Hierzulande werden im Jahr 2010 mehr als zehn Millionen Menschen betroffen sein. Zwar spielt für das Entstehen der Krankheit die Vererbung eine wichtige Rolle, unbestritten ist allerdings auch die Bedeutung eines ungesunden Lebensstils mit zu wenig Bewegung und falscher Ernährung. „Immer weniger Menschen sind im Beruf oder Alltag regelmäßig körperlich aktiv“, erklärt Schütt. Weil sehr oft eine zu kalorienreiche Ernährung hinzukommt, lässt sich das Problem einfach zusammenfassen: Der Mensch nimmt mehr Energie auf, als er verbraucht. Das lässt Fettpolster wachsen und führt geradewegs zu Übergewicht. Dies ist der Anfang einer Entwicklung, an deren Ende die Zuckerkrankheit steht. Anfangs gelingt es dem Körper noch, mit dem überschüssigen Kilos fertig zu werden, ohne dass der Blutzuckerspiegel sonderlich steigt. Die Bauchspeicheldrüse schüttet mehr und mehr Insulin aus, um diesen zu senken.Doch die Körperzellen reagieren immer weniger auf das Hormon – ein Phänomen, das Mediziner als Insulinresistenz bezeichnen. Allmählich laufen die Blutzuckerwerte aus dem Ruder. Schließlich, manchmal erst nach Jahren, stellt die Bauchspeicheldrüse ihre Arbeit ein: Ihre Insulinproduktion versiegt. Das Bedrohliche daran: Selbst in der Phase mit noch normalem Blutzuckerspiegel ist das Risiko für Gefäßerkrankungen und Herzinfarkte bereits deutlich erhöht.

Aufklärung tut not

Für diese Entwicklung haben Ärzte den Begriff „metabolisches Syndrom“geprägt. Um das Bewusstsein der Öffentlichkeit für dessen Gefährlichkeit zuschärfen, hat der Wort&Bild-Verlag die Stiftung „Rufzeichen Gesundheit!“ gegründet. Ihr Ziel ist es, über das verhängnisvolle Zusammenspiel des tödlichen Quartetts aufzuklären: Neben Störungen des Zuckerstoffwechsels und Übergewicht gehören dazu erhöhte Blutfette und Bluthochdruck.

Unmerkliche Gefäßveränderung

Als Folge des Diabetes entwickeln sich Herzkrankheiten. Wieder bemerken die Betroffenen von dem Geschehen lange Zeit nichts. „Schon zehn Jahre oder mehr bevor eine Zuckerkrankheit diagnostiziert wird, kommt es zu Schäden an den Gefäßwänden“, erklärt Strasser. Treibende Kräfte dabei sind – neben Alter,Stress und Rauchen – insbesondere Bluthochdruck, schlechte Blutfettwerte,erhöhte Insulin- und Blutzuckerspiegel sowie bestimmte Stoffe aus dem Bauchfett. Damit schließt sich der verhängnisvolle Kreis. „Die Komponenten des metabolischen Syndroms wirken sich negativ auf die Herzgefäße aus“, sagt Strasser. Betroffen sind zwar auch andere Gefäße, doch am Herzen machen sich die Veränderungen oft zuerst bemerkbar. „Der Infarkt stellt in vielen Fällen nur das erste Symptom des ganzen Krankheitskomplexes dar“, erläutert Ruth Strasser.So war es auch bei Uwe Rump. Der Orthopädiemeister erlitt vor acht Jahren einen ersten Herzinfarkt. „Ich hatte eine Menge Stress, und auf der Heimfahrt von einem Termin bemerkte ich plötzlich ein Ziehen in der Brust“, erinnert sich der 52-Jährige. Recht gelassen nahm er die Diagnose Herzinfarkt entgegen,ebenso das Einsetzen einer Gefäßstütze. „Ein paar Tage später saß ich wieder im Büro“, berichtet Rump. In den folgenden Monaten nahm er stetig zu, zwei Jahre später eröffnete ihm sein Hausarzt, dass er Diabetes habe. „Da war ich wirklich schockiert.“ Doch Rumps Betroffenheit währte nur kurz; seine Gewohnheiten waren stärker.So vernachlässigte er die körperliche Aktivität noch weiter, während sein Gewicht unaufhörlich kletterte. Der berufliche Stress in der Firma ließ sich nicht wesentlich reduzieren, sodass die Zeitbombe leise weitertickte. „Sechs Jahre hatte ich gar kein Problem“, erzählt Rump. Anfang 2007 dafür ein gewaltiges: Da kamen die Schmerzen in der Brust wieder. Die folgende Herzkatheteruntersuchung zeigte die für Diabetiker typischen Einengungen der Gefäße (siehe Seite 15). Bei diesen gibt es – im Vergleich zu Herzpatienten ohne Zuckerkrankheit – einige Besonderheiten. „Die Schäden treten bei Diabetikern meist nicht punktuell auf, sondern sind über die Länge des Gefäßes verteilt. Das erschwert eine Behandlung erheblich“, erklärt Dr. Anselm Gitt. Der Kardiologe am Herzzentrum Ludwigshafen leitete eine bahnbrechende europäische Studie, welche den Zusammenhang zwischen Herzerkrankungen und Diabetes erstmals mit Daten unterfütterte: Beim „European Heart Survey“ wiesen mehr als 70 Prozent der Patienten mit Veränderungen der Herzkranzgefäße Störungen des Zuckerhaushalts auf – das hat gravierende Folgen für ihre Heilungschancen.„Sowohl die Gefahr erneuter Infarkte und der Entwicklung einer Herzschwäche als auch die Sterblichkeit lag bei ihnen deutlich höher“, berichtet Gitt.

Mehr Fett und Zellen in der Wand

Die Erklärung dafür findet sich in den Gefäßwänden. Denn nicht nur das Ausmaß der Schäden ist bei Zuckerkranken größer, die Veränderungen sind zudem instabiler. Gitt weiß: „Die Einengungen enthalten mehr Immunzellen und mehr Fettpartikel. Das erhöht die Gefahr eines Herzinfarkts.“ Der einzige Ausweg besteht im Ausschalten der Risikofaktoren durch Lebensstiländerungen und Medikamente. Zwar lassen sich die Gefäßschäden nicht rückgängig machen,doch gelingt es auf diese Weise immerhin, die Ablagerungen zu stabilisieren und das Infarktrisiko zu senken. Vor allem den schwierigeren Teil – die Änderung des Lebensstils – versucht man den Patienten in der Curschmann-Klinik zu vermitteln. „Nach der Akuthilfe benötigen viele eine Anleitung für ein gesünderes Leben“, sagt Morten Schütt.Informationen zur optimalen Einstellung des Diabetes sind daher nur ein Teil des intensiven Programms. Hinzu kommen Ernährungsberatung, Sport,psychologische Betreuung und Entspannungstraining. „Unser Ziel ist es, den Betroffenen bewusst zu machen, was sie im Alltag ändern können“, erklärt Schütt. Das beispielhafte Therapiekonzept ließe sich auch in anderen Kliniken umsetzen. Im Rahmen einer Qualitätskontrolle entwickelt Schütt daher mit der Stiftung „Der herzkranke Diabetiker“ ein Zertifikat für Kliniken, in denen Kardiologie und Diabetologie vorbildlich zusammenarbeiten. Einen intensiven Austausch fordert auch Professor Eberhard Standl, Chefarzt am Klinikum München-Schwabing: „Entscheidend ist letztlich, dass bei Herzpatienten regelmäßig der Zuckerstoffwechsel kontrolliert wird und bei Diabetikern der Zustand des Herzens.“ Standl war wesentlich am Zustandekommen der Leitlinien beteiligt, welche die Europäische Gesellschaft für Kardiologie und die Europäische Diabetesgesellschaft für die Behandlung herzkranker Diabetiker im Januar dieses Jahres verabschiedet hat.

Umsetzen in den Alltag schwierig

Doch die beste Umstellung der Lebensführung bringt nur dann Erfolg und eine verbesserte Prognose, wenn sie dauerhaft umgesetzt wird. Keine leichte Aufgabe. Schütt kennt das Problem: „In der Klinik funktioniert das neue Leben meist ganz gut. Schwierig wird der Übergang in den Alltag.“ In der vertrauten Umgebung fallen viele schnell zurück in den alten, ungesunden Trott. Schätzungen zufolge geben nach einer herkömmlichen Rehabilitation fast drei Viertel der Patienten die guten Vorsätze wieder auf. „Um das zu verhindern, legen wir großen Wert auf eine Selbstanalyse und die Bereitschaft, die Verantwortung für den Verlauf der Erkrankung selbst zu übernehmen“, betont Schütt. Jürgen Volland hat es geholfen, in der Klinik über sich selbst nachzudenken. „Ich habe dadurch erkannt, wo ich ansetzen muss“, erzählt er und berichtet vom Kochen ohne Salz, von der Auswahl der richtigen Öle, autogenem Training gegen den Alltagsstress und einer neu entdeckten Begeisterung für tägliche Gymnastik.„Ich bin mir sicher, dass ich durchhalte“, sagt er überzeugt. „Schließlich muss ich meine zweite Chance nutzen.“ Er weiß: Auf eine dritte sollte er nicht hoffen.

Risikobestimmung

Wer die folgenden Werte kennt, kann die Gefahr eines Diabetes sowie von Herzkrankheiten besser einschätzen und Maßnahmen ergreifen. Ein Überblick.

Bauchumfang

Seit einigen Jahren ist bekannt, wie nachteilig das Fettgewebe im Bauchraum aufdie Gesundheit wirkt. Es produziert viele Hormone und Entzündungsstoffe, diedas Risiko für Herz- und Gefäßerkrankungen erhöhen. Die Messung des Bauchumfangs stellt ein gutes Maß für die Menge an Bauchfett dar und ermöglicht eine realistische Gefahrenabschätzung. So messen Sie: Legen Sie das Bandmaß auf Höhe des Nabels um den Bauch. Für Frauen beträgt der Grenzwert 88 cm, für Männer 102 cm.

Blutzucker

Die Blutzuckerwerte von Menschen, denen ein Typ-2-Diabetes droht, bewegen sich lange Zeit im normalen Bereich. Doch mittels eines Zuckerbelastungstests lassen sich Störungen frühzeitig erkennen. Der Arzt misst bei einer solchen Untersuchung die Blutzuckerkonzentration vor und zwei Stunden nach der Einnahme von 75 Gramm Traubenzucker. Stellt er die Diagnose Diabetes, sollte der Blutzuckerspiegel regelmäßig bestimmt werden. Geschulte Patienten können dies mit Geräten aus der Apotheke zu Hause selbst tun.

Nerven

Erhöhte Zuckerspiegel führen auf Dauer zu Schäden an den Nerven. Das kann Nervenschmerzen, vor allem an den Beinen, aber auch Empfindungsstörungen hervorrufen. Ob sie vorliegen, testet der Arzt daher im Rahmen der Vorsorge(Bild rechts).

Niere

Die Möglichkeit, von Nierenwerten auf den Zustand des Herzens zu schließen,überrascht nur auf den ersten Blick. Denn wenn sich bei einer Urinanalyse Eiweiße nachweisen lassen, spricht dies für Gefäßschäden in der Niere. Aber auch die Wahrscheinlichkeit, dass bereits Veränderungen an den Herzgefäßen vorliegen, ist hoch. Grund genug, den Test im Rahmen von Kontrolluntersuchungen bei Diabetikern durchzuführen.

Augen

Die Netzhaut der Augen reagiert sensibel auf Veränderungen der versorgenden Gefäße. Als Folge jahrelanger zu hoher Zuckerwerte steigt deren Durchlässigkeit, und aus den brüchigen Gefäßen sickern Flüssigkeit und Fett in das Gewebe. Einblutungen sind möglich. Rechtzeitig erkannt, kann eine solche „Retinopathie“ mit einer Laserbehandlung gestoppt werden. Daher sollte bei allen Diabetes-Patienten einmal im Jahr eine Kontrolle des Augenhintergrundes erfolgen.

Blutdruck

Bluthochdruck ist ein entscheidender Risikofaktor, den Betroffene unter Kontrolle bringen müssen – mit Diät, Bewegung und Salzreduktion, wenn nötig mit Medikamenten. Regelmäßige Selbstmessungen zu Hause sind wesentlicher Teilder Behandlung. Darüber hinaus liefert dem Arzt die 24-Stunden-Blutdruckmessung wichtige Anhaltspunkte für eine Beteiligung des Herzens: Kommt es während der Nacht nicht zu dem bei Gesunden üblichen Blutdruckabfall, ist das Risiko für einen Herzinfarkt deutlich erhöht. Folgenreiche Veränderung: Große und kleine Blutgefäße altern bei Diabetikern schneller als bei Gesunden.Für Betroffene sind die Folgen mitunter lebensbedrohlich. Verantwortlich für viele Folgekrankheiten von Patienten mit Zuckerkrankheit sind Veränderungen an den großen und den kleinen Arterien. In der Fachsprache der Mediziner wird unterschieden zwischen Makroangiopathie (bei großen Arterien) und Mikroangiopathie (bei kleinen). Die Venen sind dagegen nicht betroffen, da in ihnen das Blut langsamer fließt und sie eine andere Wandstruktur besitzen.

Mikroangiopathie

Davon betroffen sind vor allem Menschen, die schon lange mit der Diagnose Diabetes leben. Ständig zu hohe Zuckerspiegel verursachen Umbauvorgänge in den Wänden kleiner Arterien. Diese Veränderungen führen zu einer erhöhten Durchlässigkeit, die sich vor allem an Augen (Retinopathie) und Nieren(Nephropathie) bemerkbar macht. In manchen Bereichen der Netzhaut bilden sich Ablagerungen, die über Zwischenschritte zum Absterben von Sinneszellen führen. Bei den Nieren beeinträchtigen die Gefäßveränderungen die Ausscheidefunktion des Organs. Auch die Neuropathie, bei der ein Nervenausfall zu Unempfindlichkeit führt, beruht zum Teil auf Schädigungen der Gefäße, welche die Nerven versorgen.

Makroangiopathie

Veränderungen an großen Gefäßen spielen vor allem an der Hauptschlagader,den Herzkranzgefäßen, im Gehirn und in den Beinen eine Rolle. Der krankhafte Prozess wird als Arteriosklerose bezeichnet und betrifft nicht nur Zuckerkranke. Allerdings läuft er bei ihnen oft schneller und ausgedehnter ab als bei Nicht-Diabetikern. Besonders kritisch wirken sich die Gefäßveränderungen am Herzen aus: Wenn das Blutgefäß irgendwann verschlossen ist, droht ein Infarkt. Hier ein schematischer Ablauf von den ersten Veränderungen bis zum Infarkt.

Erste Veränderungen

Cholesterin dringt in die Gefäßwand ein und sammelt sich dort an. Langsam entwickelt die Gefäßinnenauskleidung, das Endothel, eine Funktionsstörung: Ihre Fähigkeit, den Gefäßdurchmesser an den Blutdruck anzupassen, lässt nach.

Umbauvorgänge beginnen

Bestimmte Immunzellen (Makrophagen) wandern in das Endothel ein und nehmen dort Cholesterin in großen Mengen auf. Dadurch verändern sie sich und werden zu aufgeblähten Schaumzellen. Ihre Zahl nimmt ständig zu, was dazu beiträgt, dass eine chronische Entzündung bestehen bleibt. Um die Gefäßwand an der Verengung zu glätten, bilden Muskelzellen eine schützende Schicht. Diese wird von den Schaumzellen jedoch wieder aufgeweicht, indem diese bestimmte Stoffe freisetzen.

Der Herzinfarkt tritt ein

Irgendwann wird die Gefäßwandveränderung (Plaque) instabil und bricht auf. An dieser Stelle bildet sich ein Blutpfropf, der das Gefäß verschließt. Das Herzgewebe wird an dieser Stelle nicht mehr mit Blut und Sauerstoff versorgt –der Infarkt ist da. Risikofaktor kranke Seele Depressionen Immer deutlicher zeigt sich, wie wichtig die psychische Verfassung für eine erfolgreiche Diabetesbehandlung ist Vermutlich ist so mancher Patient des Diabetes-Zentrums in Bad Oeynhausen etwas verwundert, wenn er bei der Eingangsuntersuchung Fragen zu Schlafstörungen, Stimmungen und Selbstwertgefühl beantworten soll. Was hat das alles mit der Zuckerkrankheit zu tun? Eine ganze Menge, davon ist der Internist Privatdozent Dr. Florian Lederbogen vom Zentralinstitut für Seelische Gesundheit in Mannheim überzeugt. Zusammen mit dem Leiter des Zentrums,Professor Diethelm Tschöpe (Interview siehe Seite 20), hat er den Fragebogen erarbeitet. Warum ein Diabetesarzt auch nach Depressionen fahnden soll, ist leicht zu erklären: „Sie lassen sich durchaus mit anderen Risikofaktoren wie Rauchen oder Hochdruck vergleichen“, sagt Lederbogen, „weil sie negativ auf die Zuckerkrankheit und die Schäden in den Herzkranzgefäßen wirken.“ Auch wenn die medizinischen Zusammenhänge noch im Dunkeln liegen, ist die Verbindung nicht erstaunlich. Zum Standardwissen von Ärzten gehört, dass schwere Erkrankungen ein erhöhtes Risiko für Depressionen mit sich bringen.Diabetes stellt da keine Ausnahme dar, wie die Statistik bestätigt: So leiden rund zehn Prozent aller Zuckerkranken an Depressionen – deutlich mehr als in der Durchschnittsbevölkerung. Weitere 25 Prozent haben mit depressiven Verstimmungen oder Anpassungsstörungen zu kämpfen. Doch damit nicht genug. Auch mit Herzbeschwerden besteht ein Zusammenhang. „Depressive Menschen haben unter anderem ein doppelt so hohes Infarktrisiko wie Menschen ohne Depressionen“, erklärt Professor Michael Deuschle, kommissarischer Ärztlicher Direktor der Klinik für Psychiatrie und Psychotherapie des Zentralinstituts für Seelische Gesundheit in Mannheim.Umgekehrt wird nach einem Herzinfarkt rund ein Viertel aller Patienten depressiv. Das hat Folgen: Ihr Risiko, schwere Komplikationen wie Rhythmusstörungen zu erleiden, erhöht sich.Vermutete Zusammenhänge Es gibt bisher nur Vermutungen darüber, wie diese Beobachtungen zusammenhängen. „Eine Hypothese geht davon aus, dass Depressionen zusätzlichen Stress für den Körper bedeuten“, erklärt Deuschle. Dadurch steigt der Spiegel des Stresshormons Kortisol an, was über Zwischenschritte den Zuckerstoffwechsel verschlechtert. Darüber hinaus macht der zusätzliche Stress das Pumporgan anfälliger für Rhythmusstörungen und aktiviert die Blutplättchen. Dies wiederum fördert die Bildung von Blutgerinnseln und erhöhtdas Risiko für einen Herzinfarkt. Das klingt plausibel, doch wissenschaftliche Nachweise dafür stehen noch aus.Michael Deuschle: „Studien müssen unter anderem zeigen, wie sich die zeitlichen Zusammenhänge darstellen.“ Auch Florian Lederbogen weiß um die dünne Studienlage und spricht vorsichtig von einer „zusätzlichen Stellschraube“in der Therapie von Diabetes und Herzkrankheiten. Aber ernst genommen will er das Problem wissen: „Das Erkennen und Behandeln von Depressionen sollte die gleiche Bedeutung haben wie das Achten auf den richtigen Cholesterinwert.“

Interview: Den Teufelskreis durchbrechen

Therapie

Im Diabeteszentrum Bad Oeynhausen werden alle Patienten auch auf Depressionen untersucht. Das soll eine erfolgreichere Behandlung ermöglichen.

Professor Tschöpe, sind Depressionen eine neue Risikokategorie für Diabetiker?

Ja. Denn Tatsache ist, dass Depressionen eine verbreitete chronische Erkrankung sind, die noch dazu stark zunimmt. Es sind besonders zwei Patientengruppen, die ein hohes Risiko für depressive Verstimmungen aufweisen: Typ-2-Diabetiker und Menschen mit Veränderungen in den Herzkranzgefäßen, also mit koronarer Herzkrankheit (KHK).

Handelt es sich dabei nicht nur um statistische Auffälligkeiten?

Die Zusammenhänge sind zunächst tatsächlich im Rahmen epidemiologischer Studien aufgefallen. Die Frage, welche ursächliche Verknüpfung besteht, lässt sich noch nicht beantworten. Gibt es eine direkte, physiologische Beziehung, oder ist die Depression eine Reaktion auf die chronische Erkrankung oder die intensive Therapie? Beide Erklärungen spielen wohl eine Rolle. Klar ist, dass eine Depression Stress für den Körper darstellt und hormonelle Regelkreise beeinflusst.

Welche Konsequenzen hat dies für die Betreuung von Diabetikern?

Letztlich sollte der Arzt Depression, Herzkrankheit und Diabetes als ein funktionelles Dreieck verstehen, in dem jede Komponente die andere beeinflusst. Zweifellos verschlechtern depressive Verstimmungen den Krankheitsverlauf des Diabetes. Zudem werden Gefäßkomplikationen um den Faktor drei bis vier verstärkt. Depressive stellen Hochrisikopatienten unter den Diabetikern dar.

Nicht jede depressive Verstimmung ist eine Depression.

Sicherlich ist die Ausprägung sehr unterschiedlich. Grundsätzlich aber gilt, dass depressive Stimmungslagen häufig nicht erkannt werden. Die Dunkelziffer ist hoch: Manche Schätzungen gehen von 50 Prozent aus.

Halten Sie eine systematische Untersuchung darauf für sinnvoll?

Das wäre sicherlich sehr gut. An unserer Klinik haben wir es bereits umgesetzt. Bewährt hat sich ein von der Weltgesundheitsorganisation WHO entwickelter Fragebogen. Erreicht der Patient einen bestimmten Punktwert, muss dem Problem nachgegangen und die Diagnostik intensiviert werden, um die passende Therapie festzulegen.

Verbessert die Behandlung auch die Diabetes-Prognose?

Sie tut sicherlich auch der Zuckerkrankheit und dem Herzen gut. Schließlich handelt es sich um einen Teufelskreis: Depressive Menschen haben weniger Antrieb und erfüllen Therapie-Erfordernisse eher weniger gut. Lebensstiländerungen sind unverzichtbarer Bestandteil der Behandlung, aber sie erfordern viel Kraft und Einsatz, die depressive Patienten oft nicht aufbringen können. Gelingt es, die Depressionen in den Griff zu bekommen, lässt sich der Teufelskreis durchbrechen.

Zur Person

Professor Diethelm Tschöpe ist Vorsitzender des Kuratoriums der Stiftung „Der herzkranke Diabetiker“ und Direktor des Diabeteszentrums am Herz- und Diabeteszentrum Nordrhein-Westfalen, Universitätsklinik der Ruhr-Universität Bochum, Bad Oeynhausen.