Die Psychiatrische Tagesklinik und Institutsambulanz

... hier werden Menschen, die aufgrund einer seelischen Erkrankung auf eine umfassende Behandlung angewiesen sind, teilstationär und ambulant behandelt.
Die Einrichtungen sind zentral in Hamburg-Mümmelmannsberg gelegen.

Archiv Praxisklinik

Hilfsaktion für Afghanistan

15. Juli 2003

HILFSAKTION Zwei Neurochirurgen aus Hamburg versorgen Patienten in einer Drei-Millionen-Einwohner-Stadt, die nur eine Klinik hat.

Christoph Rind, Hamburger Abendblatt

Der Schock saß tief. Mit einer solch großen Not hatten die Hamburger Ärzte Gerhard Rinn (57) und Baschir Ramesch (40) nicht gerechnet, als sie vor einem Jahr im Mai das Krankenhaus in Herat im Westen Afghanistans erstmals besuchten. Auf den harten Böden der Korridore liegen stöhnende Patienten. Die Operationsräume sind verfallen, die meisten Geräte unbrauchbar. "Eine Behandlung war praktisch unmöglich", sagt Dr. Rinn.


Welcher Kontrast zu der Hamburger Praxisklinik Mümmelmannsberg, in der Neurochirurg Rinn Patienten zum Beispiel an der Bandscheibe operiert. 23 Ärzte unterschiedlicher Fachgebiete haben hier ihre Praxen und versorgen Patienten zudem in der Belegklinik, die vor 26 Jahren gegründet wurde. "Ein solches Gefälle können wir nicht hinnehmen", meint Rinn. Heute sieht es in dem afghanischen Krankenhaus schon anders aus - dank der beiden Hamburger Mediziner und zahlreicher Firmen und Helfer, die ihre Bemühungen unterstützen.


rinn12 Ein Container Hilfsgüter für die Klinik in Herat dank der Spenden von Firmen und Einzelpersonen: Medikamente, chirurgische Instrumente und Geräte, Prothesen, Rollstühle im Wert von 200 000 Euro.

 

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Dreimal waren Rinn und sein Assistenzarzt Ramesch seitdem in dessen Heimatstadt Herat. Nachdem sich die Taliban an die Macht gekämpft hatten, kam Dr. Ramesch 1993 nach Deutschland. Damals begann der Verfall der vor 20 Jahren mit französischer Hilfe erbauten Klinik. Rinn: "Die war völlig runtergewirtschaftet."


Dabei ist das Krankenhaus mit seinen 400 Betten für viele die letzte Hoffnung. Denn es ist nicht nur das einzige Krankenhaus für die drei Millionen Einwohner von Herat. Es versorgt auch die Region mit fünf Provinzen und acht Millionen Menschen, viele nach Kriegsjahrzehnten verarmt, verkrüppelt, medizinisch schlecht oder nie behandelt. "Aber die Hilfe in den Familien funktioniert", sagt Ramesch. In zwei Jahren will er die Neurochirurgie in Herat leiten. Die Anfänge sind gemacht. Im April führten die Hamburger die erste mikro-neurochirurgische Bandscheibenoperation durch - ein Ereignis in Westafghanistan. Das Fernsehen übertrug live.


rinn22Alles vorbereitet: Die Hamburger führten die erste mikro-neurochirurgische Bandscheiben-OP in der Region durch.

 

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1000 Patienten haben die Hamburger Ärzte inzwischen in Afghanistan behandelt. "Ich spreche jetzt auch Persisch", sagt Rinn und verweist auf seinen Kollegen als "Privatlehrer". So kann er sich mit den Kranken verständigen. Nur die einheimischen Ärzte beherrschen auch Englisch.


rinn32Dr. Gerhard Rinn (57, links) mit einem afghanischen Patienten. Persisch hat er inzwischen schon gelernt.

 

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Die nächste Tour ist für Oktober geplant. Medikamente und Geräte im Wert von 200 000 Euro haben per Schiff und Lkw schon ihr Ziel erreicht. Demnächst wird ein Computertomograph auf die Reise geschickt, "der wird dringend für die Behandlung von Schädel-Hirn-Traumata gebraucht", so Rinn. Schwere Kopfverletzungen sind heute für die meisten Betroffenen in Afghanistan ein Todesurteil. Und Verletzte gibt es viele: nach Autounfällen und Stürzen oder als Folge von Minen, die längst nicht alle weggeräumt sind.


Die Hilfe ist vielseitig: Neben der Behandlung vor Ort während ihrer Urlaubswochen organisieren Rinn und Ramesch die Lieferungen von Material. Das ist gespendet oder wurde mit großzügigen Rabatten etwa durch den Medizingerätehersteller Siemens oder die Firma Aesculap günstig beschafft. So kamen Containerladungen zusammen: Chirurgische Geräte, OP-Schuhe, Sterilhandschuhe, Mundschutz, Medikamente, Prothesen, Rollstühle, Instrumente.


Unterstützt vom Referat Entwicklungspolitik des Senats, wollen die Hamburger außerdem Strukturen für eine "Hilfe zur Selbsthilfe" schaffen, so Rinn. Denn nach Jahrzehnten des Stillstands brauchten die Kollegen in Herat auch Unterstützung bei ihrer Weiterbildung.


Denn medizinisch moderne Geräte müssen auch fachgerecht bedient werden können. Ein abschreckendes Beispiel aus der Anfangszeit: Ein aus Deutschland geliefertes Röntgengerät stand ungenutzt im Keller. Ein Teil der Technik war in eine andere Provinz verschickt worden, weil niemand erkannt hatte, dass beide Teile zusammengehörten.


Inzwischen ist einiges auf dem richtigen Weg: Die Klinik hat angebaut, "es herrscht große Aufbruchstimmung", sagt Rinn. Aus deutschen Entwicklungshilfemitteln wurden Sanitärräume errichtet und Betten aufgestellt. Ramesch erinnert sich: "Früher mussten sich zwei Patienten auch mal ein Bett teilen oder sich direkt auf den Boden legen."


Die Helfer aus Deutschland sind willkommen. Alhadsch Mohammed Ismail Khan, Bürgermeister von Herat und Gouverneur der Westprovinzen, hat die Hamburger Neurochirurgen offiziell eingeladen und mit ihnen die Weiterentwicklung des Projektes besprochen. Er hat die Schirmherrschaft übernommen und sich bei Hamburgs Erstem Bürgermeister Ole von Beust bedankt und ihn mit einer Delegation eingeladen. Was treibt die Mediziner aus Hamburg zu ihrem Einsatz an? "Helfen ist unsere Pflicht als Ärzte", sagen sie.


Quelle: Hamburger Abendblatt, 15.07.2003